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Eine Schneebrettlawine braucht eine Schwachschicht unter einem gebundenen Brett. Schwachschichten entstehen aus Oberflächenreif, aus kantigen Formen nahe Krusten und aus Tiefenreif am Boden der Schneedecke, und manche halten wochenlang. Von der Oberfläche siehst du sie meist nicht; deshalb führt der Lagebericht sie als Altschneeproblem.
Die Schneedecke ist nicht einheitlich
Die Schneedecke ist geschichtet. Jeder Schneefall, jeder Wind, jede Warmphase und jede kalte Nacht fügt eine Schicht hinzu oder verändert eine. Manche Schichten verbinden sich gut miteinander. Andere bilden schwache Grenzflächen, die unter dem Gewicht eines Skifahrers oder der Last von zusätzlichem Schnee brechen können.
Eine Schneebrettlawine entsteht, wenn ein gebundenes Brett auf einer Schwachschicht liegt und diese Schwachschicht zusammenbricht.
Wer weiß, wie die Schichten entstehen und brechen, versteht den Schneedeckenabschnitt im Lagebericht und beurteilt das Gelände leichter.
Wie Schneeschichten entstehen
Jeder Schneefall bildet eine neue Schicht. Ihre Eigenschaften hängen von Temperatur, Wind, Luftfeuchte und Niederschlagsintensität ab. Leichter, kalter Schnee bildet Schichten mit geringer Dichte, schwerer, nasser Schnee dichte Schichten. Wind während oder nach dem Schneefall verfrachtet Schnee und bildet Triebschnee: dichte, gebundene Schichten, die an Leehängen abgelagert werden.
Zwischen den Schneefällen wandelt sich die Schneeoberfläche um. In kalten, klaren Nächten kann sich Oberflächenreif bilden: zarte, federartige Kristalle, die entstehen, wenn Feuchtigkeit aus der Luft direkt an der kalten Schneeoberfläche resublimiert. Oberflächenreif ist eine der gefährlichsten Schwachschichten, weil er verbreitet und langlebig ist und sich, einmal eingeschneit, kaum noch erkennen lässt.
In Warmphasen kann die Schneeoberfläche schmelzen und wieder gefrieren; so entsteht eine Kruste. Krusten können fest oder schwach sein, je nach Dicke und nach den Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Eine glatte, von Neuschnee eingeschneite Kruste ist eine Gleitfläche für spätere Lawinen.
Arten von Schwachschichten
Nicht alle Schwachschichten sind gleich. Die Art der Schwachschicht bestimmt, wie sie sich verhält, wie lange sie bleibt und wie gefährlich sie ist.
Oberflächenreif
Oberflächenreif bildet sich in kalten, klaren, windstillen Nächten, wenn Feuchtigkeit aus der Luft an der Schneeoberfläche kristallisiert. Die Kristalle sind flach und federartig, ähnlich wie Raureif an einer Fensterscheibe. Von späterem Schneefall eingeschneit, wird Oberflächenreif zu einer extrem störanfälligen Schwachschicht.
Einmal eingeschneit, kann Oberflächenreif wochen- oder monatelang erhalten bleiben. Am gefährlichsten ist er an schattigen Nordhängen, wo die Sonne ihn nicht abbaut. Der Lawinenlagebericht nennt „eingeschneiten Oberflächenreif“ oft als Altschneeproblem.
Kantige Formen
Kantige Formen (umgangssprachlich Zuckerschnee) entstehen bei starken Temperaturgradienten in der Schneedecke: kalte Luft oben, wärmerer Schnee unten. Wasserdampf wandert in der Schneedecke nach oben und kristallisiert zu kantigen, schlecht gebundenen Körnern um.
Kantige Formen fühlen sich wie Zucker oder Sand an, wenn du sie zwischen den Fingern reibst. Sie verbinden sich schlecht mit dem umgebenden Schnee und bilden Schwachschichten, die die ganze Saison überdauern können. Kantige Formen vom Saisonbeginn, unter späterem Schnee eingeschneit, sind die klassische Ausgangslage für ein Altschneeproblem.
Tiefenreif
Tiefenreif (Schwimmschnee) ist die extreme Form der aufbauenden Umwandlung. Er bildet sich am Boden dünner Schneedecken, wo der Temperaturgradient am stärksten ist (warmer Boden, kalte Luft). Die Kristalle sind groß, becherförmig und haben praktisch keinen Zusammenhalt.
In den Alpen bildet er sich in der dünnen Schneedecke zu Saisonbeginn und hält sich am längsten an schattigen Hängen. Hat sich Tiefenreif am Boden gebildet, kann er die ganze Saison bleiben und die Voraussetzung für sehr große, tief anreißende Schneebrettlawinen schaffen.
Das ist eines der schwierigsten Lawinenprobleme, weil man es an der Oberfläche nicht sieht und Lawinen fernausgelöst werden können, auch vom Hangfuß aus.
Neuschnee
Neuschnee verbindet sich nicht immer gut mit der alten Schneeoberfläche. Die Grenzfläche zwischen Neu- und Altschnee kann eine Schwachschicht sein, vor allem wenn die alte Oberfläche kalt, glatt oder mit Oberflächenreif bedeckt war.
Die Instabilität von Neuschnee dauert meist Tage, bis sich der Neuschnee gesetzt und mit der alten Oberfläche verbunden hat; wie weit die Verbindung ist, steht im Lagebericht. In dieser Zeit sind spontane und von Menschen ausgelöste Lawinen häufig. Der Lagebericht führt das als „Neuschneeproblem“.
Triebschnee
Wind trägt Schnee von Luvhängen ab und lagert ihn an Leehängen ab; dort entsteht dichter, gebundener Triebschnee. Diese Triebschneeansammlungen liegen oft auf weicherem, schwächerem Schnee: die klassische Kombination aus Brett und Schwachschicht.
Triebschnee bildet sich schnell; ein paar Stunden starker Wind reichen für ein gefährliches Brett. Am häufigsten liegt er an Leehängen nahe Graten, in Rinnen und hinter Geländeformen, hinter denen der Wind Schnee ablagert. Frischer Triebschnee ist meist störanfällig und setzt sich über Tage; wann, sagt der Lagebericht.
Hinweise: windgeprägte Schneeoberflächen (Windgangeln, Windkruste), sichtbare Schneeverfrachtung als Schneefahnen oder Verwehungen, hohl klingender Schnee beim Gehen, Risse, die von den Skiern aus weiterlaufen.
Die Schneedecke im Gelände lesen
Du kannst Informationen über die Schneedecke sammeln, ohne ein Schneeprofil zu graben. Hinweise sind:
Wumm-Geräusche: Ein Setzungsgeräusch unter den Füßen heißt, dass eine Schwachschicht bricht. Das ist ein ernstes Alarmzeichen: Verlass das Gelände sofort.
Rissbildung: Risse, die von den Skiern aus durch die Schneedecke schießen, zeigen ein gebundenes Brett auf einer Schwachschicht. Ebenfalls ein deutliches Alarmzeichen.
Frische Lawinenaktivität: Siehst du frische Lawinenablagerungen oder Anrisse in ähnlichen Expositionen und Höhenlagen, geh davon aus, dass das Problem auch an deinem Hang besteht.
Schneeschnecken und Schneeräder: Kleine Rollen an der Oberfläche zeigen Erwärmung und instabilen Nassschnee an.
Für eine genauere Beurteilung gibt es den Kompressionstest (CT) und den Extended Column Test (ECT): Du isolierst eine Schneesäule und klopfst mit zunehmender Kraft darauf, um zu sehen, wo und wie sie bricht. Diese Tests gehören zu jedem üblichen Lawinenkurs.
Wie Lageberichte die Schneedecke beschreiben
Der Lawinenlagebericht beschreibt den aktuellen Zustand der Schneedecke und nennt die wichtigsten Lawinenprobleme. Wer die Begriffe kennt, versteht den Lagebericht:
Altschnee (persistente Schwachschichten): Schwachschichten, die seit Tagen bis Monaten eingeschneit sind. Sie erzeugen anhaltende Lawinenprobleme, die sich mit warmem Wetter oder Neuschnee nicht auflösen.
Neuschnee („storm slab“ in nordamerikanischen Lageberichten): ein Brett aus Neuschnee, das sich noch nicht mit der alten Oberfläche verbunden hat. Meist eine Sache von Tagen; der Lagebericht sagt es.
Triebschnee: dichter, vom Wind abgelagerter Schnee an Leehängen. Bildet sich schnell und ist störanfällig.
Nassschnee: Schnee, der sich erwärmt und durch flüssiges Wasser an Festigkeit verliert. Typisch ein Problem des Frühjahrs oder des Nachmittags.
Gleitschneerisse: sichtbare Risse in der Schneedecke, wo die ganze Schneedecke langsam auf glattem Untergrund (Gras, Fels) abgleitet. Können unvorhersehbar als Gleitschneelawinen abgehen, die die ganze Schneedecke mitnehmen.
Die aktuelle Einschätzung für die Schweiz, Tirol und Frankreich findest du in den Lawinenlageberichten auf BEYOND; die Regionsseiten zeigen den Text des Lageberichts, wo der Warndienst ihn veröffentlicht.
Was daraus folgt
Schwachschichten im Altschnee (kantige Formen, Tiefenreif, eingeschneiter Oberflächenreif) sind die gefährlichsten, weil sie lange halten und große Lawinen erzeugen können. Nennt der Lagebericht ein Altschneeproblem, ist in den betroffenen Expositionen und Höhenlagen besondere Vorsicht nötig.
Neuschnee- und Triebschneeprobleme sind meist kurzlebig, aber oft sehr störanfällig. Der Lagebericht sagt, wann sich der Neuschnee verbunden hat; meide bis dahin in den genannten Sektoren Gelände über 30°.
Lies vor jeder Tour den Lagebericht. Der Abschnitt zur Schneedecke sagt dir, was im Schnee passiert. Die Gefahrenstufe allein reicht nicht für gute Entscheidungen. Eine Anleitung Schritt für Schritt: Einen Lawinenlagebericht lesen.